Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure? Stell dir vor, du bekommst jeden Tag erzählt, was wichtig ist, was gefährlich ist, wer gut ist und wer böse ist – und glaubst trotzdem, du würdest dir deine Meinung völlig selbst bilden. Willkommen in der Welt der deutschen Medien. Bevor jetzt jemand „Verschwörungstheorie!“ schreit: Nein. Ich behaupte nicht, dass deutsche Journalisten sich morgens treffen und gemeinsam beschließen, wie sie Deutschland manipulieren. Das wäre zu einfach.
Die interessantere Frage lautet:
Wie neutral kann ein Mediensystem überhaupt sein, wenn Menschen entscheiden, welche Nachrichten wir sehen – welche Schlagzeile oben steht – welche Experten zu Wort kommen – und welche Themen vielleicht gar nicht stattfinden?
Die größte Macht ist nicht die Lüge
Die größte Macht eines Mediums besteht meiner Meinung nach nicht darin, eine Geschichte zu erfinden. Sie besteht darin, zu entscheiden, welche Geschichte erzählt wird. Jeden Tag passieren tausende Dinge. Politik. Wirtschaft. Kriminalität. Migration. Krieg. Klima. Unternehmen. soziale Probleme. Korruption. Erfolge. Skandale. Aber wir sehen davon nur einen winzigen Ausschnitt. Warum?
Weil jemand auswählen muss und genau dort beginnt die Macht, nicht unbedingt mit einer Lüge. Sondern mit Auswahl.
Ein Beispiel
Nehmen wir eine Demonstration.
Medium A schreibt:
„Tausende Menschen demonstrieren friedlich für ihre politischen Forderungen.“
Medium B schreibt:
„Tausende Menschen protestieren gegen die Politik der Bundesregierung.“
Medium C schreibt:
„Umstrittene Demonstration sorgt für Kritik.“
Vielleicht sind alle drei Überschriften nicht einmal falsch. Aber welche davon vermittelt dir ein positives Gefühl? Welche ein negatives? Welche lässt dich neugierig werden? Und welche lässt dich bereits vor dem Lesen des Artikels urteilen? Ein paar Wörter reichen.
Und dann gibt es noch die „richtigen“ Experten
Ein weiterer Punkt wird meiner Meinung nach viel zu selten diskutiert:
Wer bekommt eigentlich ein Mikrofon?
Wenn fünf Experten einer Meinung sind und ein sechster widerspricht, kann ein Zuschauer leicht den Eindruck bekommen: „Na gut, fünf gegen einen. Dann wird es wohl stimmen.“ Aber vielleicht ist genau dieser eine Experte interessant. Vielleicht liegt er falsch.
Vielleicht liegt er aber auch richtig. Journalismus sollte nicht dafür sorgen, dass wir immer die Mehrheitsmeinung hören. Journalismus sollte uns ermöglichen, eine informierte eigene Meinung zu bilden. Und dazu gehört manchmal auch eine unbequeme Gegenposition.
Meinung und Nachricht verschwimmen
Früher konnte man zumindest versuchen, zwischen Nachricht und Kommentar zu unterscheiden. Heute wird diese Grenze immer dünner. Ein Nachrichtentext beginnt mit einer Information und plötzlich findet man Formulierungen wie: „umstritten“ „rechtspopulistisch“ „radikal“ „skandalös“ „alarmierend“ „besorgniserregend“
Solche Wörter können völlig gerechtfertigt sein. Aber sie sind eben nicht neutral. Sie bewerten. Und genau deshalb sollte man sich als Leser fragen: Bekomme ich hier gerade eine Information – oder wird mir bereits erklärt, wie ich diese Information zu bewerten habe?
Aber jetzt kommt der Teil, der beiden Seiten nicht gefallen dürfte
Nein, nicht alles, was in deutschen Medien steht, ist falsch. Und nein, nicht jeder Journalist ist Teil irgendeiner politischen Agenda. Wer behauptet, sämtliche Medien seien „gleichgeschaltet“, macht es sich genauso einfach wie jemand, der behauptet, es gäbe überhaupt keine Einseitigkeit. Beide Positionen verhindern eine vernünftige Diskussion. Denn die Realität ist wahrscheinlich wesentlich komplizierter. Es gibt hervorragenden Journalismus. Es gibt schlechte Recherche. Es gibt Journalisten mit unterschiedlichen politischen Ansichten. Es gibt Medien mit unterschiedlichen redaktionellen Linien. Und es gibt Themen, bei denen manche Medien deutlich anders berichten als andere. Das ist keine Verschwörung. Das ist Realität. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Wie gehen wir damit um?
Vielleicht sollten wir wieder lernen, mehrere Seiten zu lesen
Ich persönlich halte deshalb einen einfachen Grundsatz für sinnvoll: Glaube nicht automatisch dem Medium, das deine Meinung bestätigt. Lies auch das Medium, das du normalerweise ablehnst. Schau dir die Originalquelle an. Lies die Studie selbst. Hör dir die vollständige Aussage an. Vergleiche unterschiedliche Überschriften. Und dann bilde dir deine Meinung. Denn vielleicht ist die größte Gefahr heute gar nicht, dass Medien uns eine Meinung aufzwingen. Vielleicht ist die größere Gefahr, dass Algorithmen uns genau das zeigen, was wir sowieso schon glauben. Wir sitzen dann in unseren eigenen Informationsblasen und halten unsere persönliche Sichtweise irgendwann für die objektive Wahrheit.
Und genau hier wird es gefährlich
Wenn jemand sagt: „Die Medien sind alle Lügner!“ frage ich: Welche Medien meinst du? Wenn jemand sagt: „Die Medien berichten objektiv!“ frage ich: Was bedeutet objektiv – und wer entscheidet das? Und wenn jemand sagt: „Ich informiere mich nur bei Medien, die meine Meinung vertreten.“ dann frage ich: Willst du informiert werden – oder bestätigt werden? Vielleicht ist genau das die wichtigste Frage.



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